Teddy-Netz  
Eine Schöne Bescherung  
Eine einsame Straße in einer verschneiten Landschaft. Es ist Heiligabend. Durch dichtes Schneegestöber fährt ein Auto. Am Steuer sitzt ein Weihnachtsmann. Der weiße Bart hängt an einer Schnur über den rot bemäntelten Bauch, und die Mütze liegt auf dem Beifahrersitz. Hinten auf der Rückbank ist der Sack mit den Geschenken verstaut.
"Ich hätte auf der Feier der Briefträger nicht soviel trinken sollen", murmelt er vor sich hin. Noch einmal durchsucht er seine Innentaschen. "Wo ist dieser Scheißzettel mit der verdammten Wegbeschreibung. Ich hab mich bestimmt verfahren, oder dieses blöde Waisenhaus liegt ziemlich weit draußen."
Plötzlich taucht aus der Dunkelheit ein Straßenschild auf. "Na endlich, da ist ja diese gottverdammte Schillerstraße." Er biegt in die Schillerstraße, hält an und schaut auf den Auftragszettel, den er von der Weihnachtsmann-Zentrale bekommen hat. "Ah, ja. Jetzt muß ich nur noch die Hausnummer Eins finden und dann meinen letzten Auftritt erledigen." Nachdem er noch mal erfolglos die Wegbeschreibung gesucht hat, fährt er weiter.
Nach wenigen Minuten erkennt er auch schon einen Zaun mit einem Tor, an der eine schmiedeeiserne "Eins" als Hausnummer hängt. Der Weihnachtsmann bringt sein Auto zum Stehen, steigt aus, rückt sich seinen Bart zurecht, setzt die rote Weihnachtsmannmütze auf und nimmt den prall gefüllten Sack vom Rücksitz. Dann öffnet er leise das Gartentor und stapft durch den hohen Schnee in Richtung des spärlich beleuchteten Hauses. Im Hintergrund hört er einen Hund bellen.

Hermann Grasmüller sitzt gemütlich vor seinem Kamin und lauscht dem Weihnachtskonzert im Radio. In der Küche rumort seine Frau Gertrud, sie bereitet gerade die Hirschkeule für das Festessen zu. Unter dem reich geschmückten Weihnachtsbaum liegen viele Pakete für die Enkelkinder der Grasmüllers. Die beiden Söhne werden morgen mit ihren Familien eintreffen.
"Hermann, ich glaube, da draußen ist jemand, Asta bellt so laut," sagt Frau Grasmüller. "Wer soll denn jetzt und bei diesem Wetter hier draußen sein?" fragt Herr Grasmüller. "Aber wenn's dich beruhigt, schau ich trotzdem mal nach." Hermann Grasmüller erhebt sich seufzend aus seinem Sessel und nimmt sein Nachtglas aus dem Waffenschrank. Dann geht er zum Fenster, schiebt die Gardinen ein wenig zur Seite und späht hinaus in den tief verschneiten Garten.

Paul Grembach flucht leise vor sich hin. Als Weihnachtsmann muß man leise sein, wenn man jemanden überraschen will, vor allen Dingen, wenn es sich bei dem Überraschten um Kinder handelt. Trotzdem kann er seinen Ärger kaum verbergen, als er sich kriechenderweise durch das dichte Gehölz bewegt. "Ein Scheißjob, aber was macht man nicht alles als Arbeitsloser." Er hat vom Leiter des Waisenhauses den Auftrag bekommen, daß er sich am besten von hinten an das Heim heranschleichen soll. Aber da war keine Rede davon gewesen, daß sich dort ein wahrer Dschungel befindet.

"Du hast recht, Gertrud. Da draußen ist tatsächlich jemand, und zwar das Wildschwein, das schon seit Monaten hier in der Nachbarschaft die Gärten verwüstet."
Daraufhin geht Hermann Grasmüller zum Waffenschrank und nimmt sein Jagdgewehr. "Endlich hab ich dich, jetzt brenne ich dir einen drauf," murmelt er. Er lädt das Gewehr, geht wieder zum Fenster, zielt und drückt ab.
"Jawohl! Da hast du es. Glatter Schuß, Gertrud, es ist sofort umgefallen. Das gibt einen schönen Braten. Hast du mein Jagdmesser gesehen, damit ich das Wildschwein weidgerecht aufbrechen kann?" Aus der Küche ruft Frau Grasmüller: "Dein Messer ist im Waffenschrank, wo sonst. Sei aber vorsichtig, du weißt ja, wie gefährlich angeschossene Wildschweine sein können." "Das ist nicht mehr gefährlich, das Schwein ist tot," sagt Grasmüller und zieht seinen Mantel und die Schuhe an.
"Gertrud, Gertrud, komm her! Was habe ich getan?" Hermann Grasmüller steht fassungslos vor einem toten, blutübertströmten Weihnachtsmann. Jedenfalls läßt die Kleidung des Toten darauf schließen, daß das, was da am Boden liegt, einmal ein Weihnachtsmann gewesen war. Der Schuß hatte genau den Kopf getroffen, welcher zerplatzt ist wie ein Kürbis. Im Umkreis von einem Meter liegen Blut, Knochensplitter, Gehirnmasse und ein Weihnachtsmannbart. Aus dem Hals fließt immer noch langsam dampfendes Blut auf den Schnee.
"Oh, mein Gott," ruft entsetzt Gertrud Grasmüller, "das war ja ein Mensch. Wir müssen sofort die Polizei rufen, Hermann." "Bist du verrückt. Die entziehen mir doch sofort die Jagdlizenz" "Aber das war doch ein Unfall, das sieht man doch." "Na klar, aber ich habe eine Flasche Weißwein getrunken, da sollte man als erfahrener Jäger die Finger von der Waffe lassen." "Und jetzt, was machen wir jetzt?"
Grasmüller kniet nieder und durchsucht die Tasche der Leiche. "Was machst du da, Hermann?"
"Ich suche seine Papiere, ich muß wissen, wer das ist." Er greift in die linke Innentasche des Toten und findet ein Brieftasche. "Paul Grembach, geb. 27.3.1953 in Dresden, wohnhaft Rosenweg 7 in Kleinwalmbach," murmelt er lesend vor sich hin.

Hermann Grasmüller geht langsam und nachdenklich um die immer noch blutende Leiche. Laut vor sich hindenkend sagt er: "Hier draußen hat doch keiner den Schuß gehört. Du mußt das Blut und so weiter hier wegmachen. Währenddessen werde ich die Leiche in den Keller bringen, dort zerteilen und die Teile anschließend im Heizungsofen verbrennen."
Entsetzt schreit Gertrud Grasmüller schrill auf: "Ich glaube, jetzt drehst du völlig durch. Das war ein Mensch, und der braucht ein Begräbnis."
"Wenn du willst, kannst du ja dein Gebetbuch holen und ein paar Worte sprechen. Aber bringe beim Rauskommen einen Putzeimer mit warmem Wasser mit," sagt Herr Grasmüller. Dann fügt er hinzu: "Was sollen wir denn sonst tun, ich will schließlich Jäger bleiben."
Frau Grasmüller geht leise vor sich hinmurmelnd ins Haus. Währenddessen geht Hermann Grasmüller zum Schuppen, öffnet die leise knarrende Tür und holt eine Axt.
"Gertrud," ruft er seiner Frau noch nach, "bringe die alte Hundedecke mit, damit wir die Leiche in den Keller transportieren können."

Grasmüller zerrt den verstümmelten, blutüberströmten Leichnam mit Hilfe der Decke Richtung Keller. Währenddessen putzt seine Frau das Blut, die Schädelteile und die schwammige Gehirnmasse weg. Da stutzt sie kurz. "Hier liegt ein Zettel. Da steht: Waisenhaus Schillerstr. 1," sagt Gertrud Grasmüller. "Wieso ist er dann bei uns, in der Schillerstr. 21?" "Die ´2´ muß mal wieder runtergefallen sein, die muß ich jetzt mal richtig festmachen."

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