Teddy-Netz  
Jugend - von H.D. Hüsch  

Als die Nazis kamen, war ich acht Jahre alt
als der Krieg begann, war ich vierzehn
die Barbarei zuende ging, war ich zwanzig
1968 war ich 43, als Herr Brandt mehr Demokratie versprach, war ich 44 
als Herr Kohl seinen Wendemantel anzog, war ich 57
wenn das Internationale Jahr der Jugend zuende geht, bin ich 60 Jahre alt
und vermute doch jünger zu sein
als die meisten Jungen von heute
nicht weil ich bessere Eltern hatte oder eine sorgfältige Erziehung
oder mehr Geld oder mehr Turnschuhe
oder Schickimicki-Kleidung
oder hier oder da einen Joint
oder Motorräder
oder großzügige Pfarrer
oder Jugendpläne oder blaue Haare
Programme, Broschüren oder Rock und Pop
Jugendringe, Jugendzentren, Jugendcafes, Jugendkultur Jugendfunk, Jugendfernsehen
Jugendzeitungen, Diskotheken, Jugendtheater usw.
sondern weil es das damals alles nicht gab und ich nur meine dummen Phantasien hatte
die ich bis heute nicht preisgegeben habe
darum sind wir Älteren vielleicht manchmal jünger als die Jungen
die Jugend von heute
es tut mir leid
halte ich für verraten und verkauft
zugeschüttet mit Billigware mit oberflächlicher Politemulsion
hinters Licht geführt von einer erbarmungslosen Zerstreuungsmafia
eingekleidet von Secondhand-Millionären und Flohmarktphilosophen
aufgeputzt und wieder ausgezogen von parfümierten Erlösungsgurus
müde gemachte Nonstop-Tänzer in Spielsalons und Glückshöllen
ausgetrickst durch leere Versprechungen geistig unmoralischer Wendehälse
ausgenutzt von Massenbewegungen jeder Art
und schließlich unterdrückt von einer unsichtbaren Diktatur der Angepassten
die Jugend ist nicht so frei wie sie meint weil sie sich ständig preisgibt
was sagen? Was tun?
Jugend muss in Ruhe alles machen dürfen
Jugend sollte man euch geheim halten wenn's geht
Jugend darf eine kreative Krankheit sein, bis ins hohe Alter
Eigensinn, Intensität, Phantasie und nicht Industrie, Illusion, Idiotie, wenn's geht
Wenn's geht!? Meine Freunde

Hans Dieter Hüsch (1985)